Politik auf dem Schulgelände

Die Turnhalle der früheren Realschule wurde in den 20er und 30er Jahren unseres Jahrhunderts mehrfach für Parteiveranstaltungen genutzt. 1925 bestieg zum Beispiel der österreichische Staatskanzler Karl Renner die Rednerbühne. Das Ereignis jedoch, das in den Krisenjahren die stärkste überregionale Bedeutung erlangte, war der Auftritt Adolf Hitlers am 5. Februar 1928. Von der Ortsgruppe der Kulmbacher NSDAP wurde der Besuch ihres "Führers" in Kulmbach als der größte Tag in der sogenannten Kampfzeit verstanden. Vorausgegangen waren die Aufwartungen anderer prominenter NSDAP-Redner in verschiedenen Sälen Kulmbachs. Darunter befanden sich Anton Drexler, Albert Forster, Sepp Dietrich, Hans Schemm, Gregor Strasser, Julius Streicher und Dr. Joseph Goebbels.

Die Kulmbacher NSDAP-Ortsgruppe konnte bei der Hitler-Rede in der Realschule den Ansturm der Besucher kaum bewältigen, obwohl man sich durch den Verkauf von Eintrittskarten bemühte, den Einlaß zu begrenzen. Hunderte von Zuhörern (insgesamt: ca. 1300) versammelten sich auf dem Vorplatz der Turnhalle, um zumindest die Lautsprecherübertragung zu verfolgen.

Warum Hitler überhaupt - nur wenige Wochen nach Aufhebung des gegen ihn verhängten Redeverbots - in einer Kleinstadt wie Kulmbach auftrat, bleibt bis heute im dunklen: War es die persönlichen Verbundenheit Hitlers mit einer der frühesten und mitgliederstärksten NSDAP-Ortsgruppen in Franken? Hat er sich an die SA-Standarte Kulmbach erinnert, die er bereits im Januar 1923 persönlich auf dem Münchner Marsfeld geweiht hat? Hat sich Hermann Esser, Wahl-Kulmbacher seit 1921, der es in München zum Chef-Propagandisten für die Presse und Vertrauten Hitlers gebracht hat, für seine frühere Wirkungsstätte verwendet? Hitlers Rede unter dem Thema "Kampf um Deutschlands Freiheit" wurde von den Zuhöreren euphorisch aufgenommen, führte die Kulmbacher Ortsgruppe aus der Lähmung dieser Jahre, spornte ihre Propaganda-Aktivität an. Wolfgang Schoberth


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