"Vaterländische Schulfeiern"

Einen intensiven Einblick in den Schulbetrieb unter dem Hakenkreuz gewinnt man, wenn man sich die zahlreichen Schulfeiern und Sonderveranstaltungen betrachtet, die seit 1933 eingerichtet werden. Der ideologische Hintergrund für diesen sprunghaften Anstieg politischer Jahres- und Gedenktage wird im 42. Jahresbericht des Schuljahres 1933/1934 (S. 12) genannt: "Der neue Geist bekundete sich nach außen hin durch eine Reihe vaterländischer Schulfeiern, die sicherlich dazu beitrugen, die Jugend mit Stolz auf die große Geschichte unseres Volkes, mit Freude über die gewaltigen Leistungen des neuen Staates und mit der frohen Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu erfüllen."

Im einzelnen werden zum Beispiel im Jahr 1934 gefeiert:

Feier zur Erinnerung an die Gründung des deutschen Zollvereins vom 1.1.1834 (9.1.)

Reichsgründungsfeier (18.1)

Feier zur Erinnerung an den Geburtstag des nationalsozialistischen Reiches (30.1.)

Fest der nationalen Arbeit (6.5.)

Übertragung der Schlageterfeier im Radio (26.5.)

Gautagung der oberfränkischen NS-Jugend in Anwesenheit
des Unterrichtsministers Schemm (24.-26.6.)

Fest der Jugend mit Freiübungen und Wettkämpfen (28.6.)

Feier des Jahrestages der Unterzeichnung des Versailler Vertrages (28.6.)

Rundfunkübertragung der Rede des Reichskanzlers auf dem Reichstag in Nürnberg (1.9.)

Feier des deutschen Erntedankfestes und des 86. Geburtstages des Reichspräsidenten (3.10.)

Aufführung des Trauerspiels "Schlageter" (25.10)

Schulfeier zur Erinnerung an die Gefallenen des 9. November 1923 (9.11.)

Übertragung der Rede des Reichskanzlers aus Berlin (10.11.)

Hinzu kommt die Vorführung einer Anzahl "vaterländischer Filmwerke" für die gesamte Schülerschaft wie der U-Boot-Film "Morgenrot", "Blutendes Deutschland", "Hitlerjunge Quex", "Deutschland erwache" oder der "SA-Mann Brand".

Verfolgt man die diese Art Veranstaltungen über das Jahr 1934 hinaus, so fallen einige wenige weg, andere kommen hinzu: regelmäßig begangen wird zum Beispiel der "Geburtstag des Führers" (20.4.), die "Morgenfeier" am Schuljahresende (im April), die mit unsäglich-schwülstigen Sprechgesängen und Chören inszeniert wird, denen Märsche, Fanfaren und Kampflieder folgen und ein "Dank an den Führer" am Ende steht. Die traditionelle "Maifeier" wird kalendarisch beibehalten, doch inhaltlich pervertiert: am früheren "Tag der Arbeit" begeben sich die Schüler nach Trebgast, um dort Mundartliches zu intonieren oder das Ritterschauerdrama "Blut und Liebe" (Martin Luserke) aufzuführen.

Ferner etabliert man die "Feier des deutschen Volkstums" (19.9.), die "Saarstunde" (28. 9.), und die "Staatsjugendtage", die in jedem Schuljahresdrittel abgehalten werden und Vortragssequenzen zur NS-Weltanschauung beinhalten. Neu eingeführt wird auch, als inhaltlicher und liturgischer Verdrängungsversuch des christlichen Weihnachten, der "Tag der Wintersonnenwende". Ein "Bericht" der "Bayerischen Ostmark" (vormals: "Bayerische Rundschau") unter der Überschrift "Julfest der Realschule" veranschaulicht den Festablauf:

"In ihrer Aula beging die Realschule Kulmbach den Tag der Wintersonnenwende zum ersten Mal durch das Julfest. Lehrer und Schüler versammelten sich um den großen strahlenden Lichterkranz. Musikalisches Vorspiel und ein Sprechchor leiteten die von Stud.Assessor Födransperg vorbereitete Feier ein, deren Sinn abgestimmt war - wie Stud.Assessor Reuther erläuterte - auf den Einklang des deutschen Wesens mit dem Jahreslauf der Natur. (...) Germanische Vorstellungen vom Weltenbaum, von Baldur und Frau Holle wurden in Lesung und Gedichten wach. Der Eintritt der 'stillen Nacht' und die Sehnsucht nach dem Frieden sprachen gewaltig aus Zöberleins Kapitel 'Der heilige Abend in der Siegfriedstellung'. Der Ernst der Stunde ging in hohe Feierlichkeit über, als eine innige Geige wie von fernher die Melodie des Liedes 'Es ist ein Ros´ entsprungen' spielte..."

Mit dem Jahr 1940 geht die Zahl der Propagandaveranstaltungen, Heldengedenktage, Feste und der Jubelfeiern stark zurück. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges scheint die Lust am Feiern vergangen zu sein. Ein häufiger Lehrerwechsel ist an der Tagesordnung, da einige, zumindest zeitweise, eingezogen werden und Ersatz gestellt wird. Im Jahresbericht 1940/41 werden die ersten sechs Schüler genannt, die, gerade aus der Kulmbacher Realschule entlassen, im September 1939 während des Polenfeldzugs ihr Leben für Hitlers Ziele gelassen haben. Aus den markigen Reden über den "Lebensraum im Osten" und die "Herrenrasse", aus den vaterländischen Kampfgesängen und den fröhlichen Kriegsspielen in Aula und Turnhalle unserer Schule war ernst geworden. Wolfgang Schoberth

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