Historischer Roman über unsere Schule

Es ist bereichernd für jedes Gymnasium, eine Schülerin hervorzubringen, die sich zu einer angesehenen Schriftstellerin entwickelt. Ein wahrer Glücksfall für die Zeitgeschichtsforschung ist es jedoch, wenn diese Schülerin die letzten Nazi-Jahre, die sie damals an der Realschule erlebt hat, porträtiert.

Unter dem Titel "Zogen einst fünf Wilde Schwäne" erzählt die Ex-Schülerin Eva Wolf von den Jahrgängen 1923 und 1924, einer Generation, der sie selber zugehört. Als die damaligen Jugendlichen die Oberstufe durchlaufen und vor dem Abitur stehen, tobt der Zweite Weltkrieg. Ohne Abschluß wird ein Großteil der Jungen aus der Klasse gerufen, an die Front geschickt und "verheizt", während die Mädchen mit Behelfsunterricht versorgt werden.

Evamaria Westphal-Wolf hat in der Nachkriegszeit die bittere Erfahrung gemacht, daß die im Krieg gefallenen Klassenkameraden schon in der nächsten Generation vergessen wurden. Für sie hat sie diesen Roman geschrieben, um das Gedächtnis wach zu halten. Erstmals erschien ihr "Schwäne"-Buch 1988. Als es im Ullstein-Verlag 1991 erneut aufgelegt wurde, wurde es rasch zu einem Bestseller.

Obwohl ihr Erinnerungsbuch romanhafte Züge trägt, ist das Kulmbacher Lokalkolorit allgegenwärtig: das markante Gebäude am Schießgraben, das Auswärtigenzimmer mit seinem merkwürdigen Leben vor Unterrichtsbeginn, der Schulalltag der Kriegsjahre. Aber auch leibhaftige Personen erwachen vor dem Leser: Mancher Schüler, mancher Lehrer läßt sich von den Zeitgenossen identifizieren, auch wenn die Erzählerin den Namen amüsant verklausuliert.

Dennoch geht es der Autorin nicht um ein bloßes Konterfei authentischer Personen. Platter Realismus ist ihr fremd. Vielmehr möchte sie über ihre eigenen Erfahrungen hinaus die Geschichte einer Generation aufzeigen.

Daneben, ganz unaufdringlich, erzählt sie (aus der Sicht der Schülerin Anna Waldau) von der neuen Rolle der Mädchen an einer Schule, die bisher den Jungen vorbehalten war: von den unbeholfenen Versuchen der Klassenkameraden, Rücksicht zu nehmen, von der kränkender Schnoddrigkeit männlicher Lehrer, denen die Präsenz junger Damen in der Klasse noch nicht selbstverständlich ist, von zarten Emanzipationsversuchen, auf eigene Faust französische Konversation zu üben und sich nicht zu scheuen, in Mathe die Hilfe der Klassenkameraden zu erbitten.

Die bedingungslose Kapitulation zerschlägt auch alle Mädchen-Träume: Wer kann einfach weitermachen, wer studieren, wer die Vermißten aus seinem Gedächtnis verbannen? Zupacken, Trümmer beseitigen, heißt das Gebot. Der gefallene Bruder, der Vater muß ersetzt werden, Praktisches erlernt werden. Wenn es Hoffnung gibt, dann die: die Kinder sollen es einmal besser haben. Margret Schoberth

Eva Wolf, Zogen einst fünf wilde Schwäne, Ullstein Verlag, 1991

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