Untersucht man das umfangreiche, bisher noch nicht ausgewertete Material unseres Schularchivs aus den Jahren 1933 bis 1945, so bietet sich ein deutliches Bild: die Binnenstruktur der Realschule fügt sich offenbar nahtlos dem NS-System ein. Die einzelnen Lehrer und Schulorgane dokumentieren in zahlreichen Protokollen der Lehrerrats- und Fachsitzungen, in schulinternen und öffentlichen Jahresberichten, in Festprogrammen und Theateraufführungen und nicht zuletzt in den Prüfungsaufgaben ihre Gefolgschaftstreue.
Die Motive hierfür mögen unterschiedlich sein: So kommt eine in akademischen Kreisen stark verbreitete "deutschnationale" oder "deutschvölkische" Grundeinstellung, wobei letztere hinsichtlich des "Führer- und Volkstums" und der Bewertung von "Rassen" der NS-Ideologie nicht allzu fern steht. Als einen Vertreter dieser Richtung kann man Studienprofessor Ernst Puchtler (Deutsch, Geschichte, Erdkunde) bezeichnen, ein Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg, der sich nicht nur für den "Vereins für Deutschtum im Ausland" (VDA) engagiert sondern auch in seinem Unterricht und im außerschulischen Bereich durch eine rege Vortragstätigkeit für die NS-Weltanschauung Propaganda macht, wie man es auch deutlich seiner Personalakte entnehmen kann. Ein weiterer überzeugter Anhänger der NSDAP ist Hans Ludwig, der der Partei seine Karriere verdankt und von 1937 bis 1945 die Kulmbacher Realschule leitet. Während der Abordnungszeiten für Militärdienst übernimmt sein Stellvertreter, Alfred Födransperg, die Leitung.
Aber auch ein aus der damaligen Zeit heraus begreiflicher Opportunismus, nämlich den Beruf als angesehener Lehrer nicht aufs Spiel zu setzen oder durch Beziehungen der Familie zu nutzen, hat bei der Anpassungsbereitschaft eine Rolle gespielt. Ein Beispiel hierfür Dr. Hans Günther, von 1936-1937 Stellvertreter des Anstaltsleiters Ernst Lutz (1924-1936): Obwohl Dr. Günther eine demokratische Einstellung aufweist, tritt er wegen der Karriere seines promovierten Sohnes beim Ministerium für Gesundheitsfragen in München in die Partei ein.
Bei der Bewertung der Lehrerpersönlichkeiten muß jedoch bedacht werden, daß nach der krisenhaften Zuspitzung am Ende der Weimarer Republik der Glaube, allein Hitler und seine Bewegung könnten aus der sozialen Not und der Arbeitslosigkeit herausführen, weit verbreitet war. In Kulmbach zum Beispiel hatte man täglich eine schier endlose Schlange von Arbeitslosen vor dem Arbeitsamt in der Blaicher Straße vor Augen. Und die Anfangserfolge, innenpolitisch durch die Arbeitsbeschaffungs-programme (in Kulmbach etwa sichtbar durch den beschäftigungsintensiven Flutmulden-Bau), außenpolitisch durch die Revision des Versailller Diktats, schienen zunächst diese Hoffnung zu bestätigen.
Der folgende Ausschnitt aus dem nichtöffentlichen, sicher auch für die vorgesetzten Behörden bestimmte "Jahresbericht 1934/1935" ist typisch für den Quellenfundus der ersten Jahre nach der Machtübernahme Hitlers:
"...Was die Stellung der Lehrer zur Regierung betrifft, so kann mit Sicherheit angenommen werden, dass sie alle aus innerer Überzeugung hinter ihr stehen. Studienrat Ludwig ist stellvertr. Sturmführer der 5/ 41. S.S.-Standarte, Studienrat Meier gehört der 5. Res./41. S.S.-Standarte an, Stud.Prof. Dr. Günther ist beim Stab des S.A. R.2 Sturmbannes. Im übrigen ist zu berichten, dass der Schulvorstand Vertrauensmann zwischen der Schule und der HJ und für den Schulfunk ist. Stud.Rat Meier ist Vertrauensmann des NSLB, Stud.Ass. Ecker ist Leiter der Schulgruppe des VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland, W.S.), Referent für Geländesport im NSLB, Luftschutzwart und Mitglied des Stabs des Reichsluftschutzbundes, Ortsgruppe Kulmbach, sowie Lehrer für 1. Hilfeleistung an der Luftschutz-Schule Kulmbach, Stud.Ass. Födransperg ist Filmwart und Vertrauensmann für die Zeitschrift 'Hilf mit', St.Ass. Deni ist Obmann für die Pfennigsammlung.
An den Kreistagungen des NSLB in Bayreuth sowie den Schulungstagungen des Bundes in Kulmbach nahmen die Lehrer regelmäßig teil; auch traten sie verschiedentlich bei den letzteren als Redner auf:
Stud.Prof. Puchtler spricht am 27.6. über 'Nationalsozialismus und Frühgeschichte',
Stud.Prof. Dr. Günther am 6.6. über "Grundlage der Vererbungslehre, Rassenkunde
und Rassenpflege". An sonstigen Vorträgen sind noch zu erwähnen: Stud.Prof.
Dr. Günther über 'Wehrpolitische Betrachtungen' bei den S.A. R.2-Appellen in
Kulmbach, Forstlahm, Ziegelhütten, Thurnau und Marktschorgast. (...) Im Rahmen
der vorgeschriebenen Schul-Feierstunden wurden noch folgende Vorträge gehalten:
Dr. Günther spricht am 12.5. über 'Muttertum', Dr. Michels am 26.9. über 'Löns
als deutscher Dichter' und am 18.1. über die 'Reichsgründung', und am 30.1.
behandelt Stud.Rat Ludwig den 'Entwicklungsgang der national-
sozialistischen Bewegung' ".