Erziehung ohne Haß:

Rabbiner unterrichtete bis 1928 an der Realschule

Es ist weithin unbekannt, daß nach der Gründung der Königlichen Realschule neben dem Unterricht in den beiden christlichen Konfessionen auch eine Unterweisung im jüdischen Glauben erfolgte. Von den 111 Schülern, die im Schuljahr 1893/1894 die vierkursige Realschule besuchten, waren 7 jüdischen Glaubens. Von diesen stammten 5 aus Burgkunstadt bzw. Altenkunstadt und zwei aus Kulmbach (Brüder Paul und Albert Adler).

Deutlich spiegelt sich hier das Interesse der bessergestellten Bürger jüdischen Glaubens, mit einem qualifiziertem Bildungsabschluß für die Söhne die beruflichen Chancen, aber auch die Integration und Assimilation zu fördern.

Unterrichtet wurden sie in den Anfangsjahren an zwei Wochentagen vom Burgkunstädter Distriktrabbiner Dr. Cohn, zeitgleich mit dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht. Besoldet wurde der Geistliche wie die anderen Religionslehrer an der Realschule. Dies erfolgte jedoch durch das großzügige Entgegenkommen des Kulmbacher Stadtmagistrats (Entscheid vom 19. Oktober 1892), der darüberhinaus auch noch die Fahrtkosten von Burgkunstadt nach Kulmbach übernahm. Damit mißachtete er die nachdrückliche Empfehlung der Staatsregierung, die Lehrtätigkeit der Rabbiner von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde selbst zahlen zu lassen.

Wegen der stets kleinen Schülerzahl jüdischen Glaubens wurden die Schüler der vier, später dann der sechs Klassen zusammengelegt. Der Anteil der jüdischen Schüler an der wachsenden Gesamtschülerzahl war auch in den Folgejahren gering und blieb unterhalb der 5%-Marke . Für den Unterricht wurden schuleigene Lehrmittel verwendet, die in die Geschichte des Judentums einführen und das Studium der Thora und des Talmuds begleiten sollten.

Der Distriktrabbiner Dr. Cohn blieb in dieser Funktion bis zum Schuljahr 1895/1896. Nach seinem Ausscheiden wurde als Interimsnachfolger der Rabbiner Löbenstern bestellt, der dann am 1. Februar 1897 durch Dr. Ezechiel Gotein aus Burgkunstadt abgelöst wurde. Dieser anerkannte Gelehrte unterrichtete über 17 Jahre bis zu seinem Tod am 6. März 1914 an der Realschule. Seiner Unterstützung und seinem Geschick im Umgang mit den vorgesetzten Behörden war es auch zu verdanken, daß die damals 33 Kulmbacher Bürger jüdischen Glaubens am 25. Dezember 1903, d.h. nach einer Unterbrechung von über 500 Jahren, wieder eine israelitische Kultusgemeinde gründen konnten.

In einem umfangreichen Nachruf im Jahresbericht der Realschule von 1913/1914 wurde der gebildete Rabbiner, der geschickte Organisator und anerkannte Erzieher in einer Form gewürdigt, die deutlich über das bei Nekrologen Übliche hinausgeht und den Respekt seiner Kollegen zum Ausdruck bringt:

"Herr Dr. Gotein (genoß) durch sein gediegenes Wissen und sein zuverlässiges und sein überzeugungstreues Wesen als gewissenhafter, gewandter und kraftvoller Lehrer die Hochachtung und Wertschätzung aller Kollegen. Seine Schüler und der größte Teil der Lehrerschaft mit dem Königlichen Rektor nahmen am Sonntag, den 8. März 1914, in Burgkunstadt an seiner Beerdigung teil und ehrten ihn durch Niederlegung eines Lorbeerkranzes. Sein Wesen und Wirken hat ihm ein dauerndes ehrendes Gedächtnis an unserer Schule gesichert." (S. 47)

Als Goteins Nachfolger wurde von der Regierung von Oberfranken der Distriktrabbiner Dr. Falk Salomon aus Bayreuth bestellt. Damit einher ging die Zuordnung der jüdischen Gemeinde Kulmbachs zum Distriktrabbinat Bayreuth - eine administrative Maßnahme, die den vergeblichen Protest der Kulmbacher Juden hervorrief, die sich kultisch (zum Beispiel Beerdigungen auf dem Ebnether Friedhof ) nach wie vor nach Burgkunstadt ausrichteten. Dr. Salomon unterrichtete bis zum Jahr 1928 - auch während der Kriegsjahre von 1914-1918 - die noch weiter geschrumpfte Schar jüdischer Schüler. Für das letzte Kriegsjahr ergibt sich folgendes Bild: Im Schuljahr 1917/1918 waren bei einer Gesamtschülerzahl von 244 6 Schüler jüdischen Glaubens. Davon wohnten 4 in Kulmbach (Gottfried Strauß, Heinz Saalfrank, Siegfried Weiß, Alfred Zeidler).

Am Ende der Weimarer Republik wurde die "Pastorierung" der wenigen verbliebenen jüdischen Schüler an der Kulmbacher Realschule eingestellt. Im Schuljahr 1931/1932 verließ der letzte (Leo Possenheimer aus Burgkunstadt) die Anstalt, ohne die Abschlußprüfung abgelegt zu haben.

Fachschaft Geschichte unter Federführung von OStR Wolfgang Schoberth


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