Die Siegfriedsäule

Nach dem Sieg der deutschen Truppen über Frankreich und der Inbesitznahme von Elsass-Lothringen 1871 schwappt eine Welle nationaler Begeisterung über das von Bismarck "zusammengeschweißte" Deutsche Reich. Die "vaterländische" Begeisterung macht auch vor kleineren Städten nicht Halt. Überall werden Denkmäler errichtet, die an den Sieg über Frankreich, aber auch die Gefallenen (in Kulmbach: 108 Gefallene und Vermisste) erinnern. Im Geschmack der Gründerzeit werden Obelisken, Stand- oder Reiterbilder siegreicher Feldherren aufs Postament gestellt. Besonders häufig werden die "Germania" abgebildet, die für die "Wacht am Rhein" , und der "Siegfried", der für das wiedererstarkte Deutsche Reich steht, das den "Drachen der Zwietracht" überwunden hat und die Revanche der Franzosen nicht fürchtet.
Der "fertige" Siegfried
vor der Aufstellung am Holzmarkt im Frühjahr 1911
In Kulmbach fordern zwar immer wieder "vaterländische" Organisationen wie etwa dem Turnerbund, die Schützengilde, der Veteranen- und den Militärverein oder der Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband immer wieder eine Gedenksäule, doch diese kommt wegen des fehlenden Geldes nicht zustande. Erst der 1904 ins Leben gerufene Denkmalsfond, der von den Kommerzienräten Hermann Limmer und Wilhelm Meußdoerffer und dem Kunstmaler Michel Weiß unterstützt wird, erbringt den finanziellen Grundstock. Der entscheidende Batzen wird jedoch durch den Reinerlös eines Basars aufgebracht (10 419 Mark), den Frauen (Frauenverein, Rotes Kreuz; Hauptaktivistin: Elise Flessa, die Frau des damaligen Bürgermeisters Dr. Wilhelm Flessa) zu Gunsten des Denkmals organisieren. Die Stadt Kulmbach bezuschusst das mit 16 800 Mark veranschlagte Denkmal mit 2000 Mark.

 

Professor Jakob Bradl von der Münchner Kunstakademie wird mit einem Entwurf beauftragt. Prinzregent Luitpold, dem das Kriegerdenkmal gewidmet werden soll, ist mit dem Drachentöter aus der Nibelungen-Sage einverstanden. Der Münchner Anton Schmidt , Bildhauer an der Kunstakademie, führt den Entwurf seines Kollegen Bradl aus. Als Material verwendet er den rötlich schimmernder Sandstein , der von der Kulmbacher Mönchshofbrauerei aus deren Steinbruch in Oberpurbach zur Verfügung gestellt wird. Die Kulmbacher Handwerkerschaft bleibt draußen vor: Nur der Baumeister Max Trübenbach darf die Steinhauerarbeiten des Granitsockels ausführen.
Die Grundsteinlegung des Monuments findet am 12. März 1911 statt, dem 90. Geburtstag des bayerischen Prinzregenten Luitpold. Die bajuwarisch-deutsche Weihefeier wird im großen Stil begangen: mit "vaterländischem" Getöse vor den formierten Korporationen und Vereinen, mit Salut-Schießen, Zapfenstreich, Schulfeiern, Gottesdiensten, Festkommers und Konzert im Vereinshaus und mit einem großem Festmahl im Saalbau Wittelsbach. Als Höhepunkt wird eine verlötete Kupferkassette mit den Vertragsurkunden, den Festansprachen, zeitgenössischen Fotos, Zeitungsberichten und einer eigens geprägten 3-Mark-Medaille in den Grundstein versenkt.

 

Die "Geburt" Siegfrieds erfolgt neun Monate später mit seiner Enthüllung am 23. Juni 1912 - am 41. Jahrestag des Sieges über die Franzosen.
Das Aufgebot der Grundsteinlegung möchte man bei der offiziellen Einweihung noch überbieten: Schon früh um halb sechs spielt eine Bamberger Ulanen-Kapelle auf. Sonderzüge werden eingesetzt, damit auch Besucher aus dem Umland dem Spektakel beiwohnen können. Sämtliche Vereine und Musikgruppen sind in Reih und Glied angetreten. Tausende von Zuschauern säumen den fahnenbehangenen Holzmarkt. Bier- und Bratwurstbuden sorgen für den volkstümlichen Rahmen. Prinzregent Luitpold schickt der Versammlung ein Grußtelegramm. Die Festansprachen halten Bürgermeister Wilhelm Flessa und Andreas Ludwig, der Vorsitzende des Veteranenverbands. "In-Treue-fest"-Parolen auf das Wittelsbachische Königshaus werden angestimmt, Mut, Tapferkeit, Gottesfurcht und Opferbereitschaft beschworen. Besonders begeistert gibt sich der Bürgermeister, wenn er von der bayerisch-hohenzollerische Verschmelzung in Kulmbach spricht: "Die altersgraue Plassenburg dort oben auf der Bergeshöhe und die Siegfriedsäule hier unten zu ihren Füßen - sie predigen uns ein gewaltiges Kapitel heimischer und deutscher Geschichte."

(Die Abbildungen auf dem Postament bestätigen dies: Auf den schmalen Eckseiten ruhen oben vier Löwen als Wappenträger: Kulmbacher Stadtwappen, oberfränkisches Kreiswappen, der hohenzollersche Adler und der Wittelsbacher Löwe)

Der Holzmarkt, schon seit 1340 ein Dreiecksplatz, an dem sich die Handelwege kreuzen, zählt heute zu den verkehrsreichsten und hektischsten Plätzen der Innenstadt. Autoschlangen machen vor den Ampeln Halt, bewegen sich lärmend weiter. Ströme von Fußgängern überziehen den Platz, um sich in Richtung Langgasse, Kressenstein, Kloster- oder Webergasse zu verflüchtigen. Wie ein Idyll von einst wirken die Fachwerkhäuser, die den Platz umsäumen, besonders die gerade renovierte Fassade der "Stadtschänke". Davor - etwas verloren wirkend wie der Bote aus einer anderen Welt -: der Zinsfelder, Kulmbachs älteste Brunnenfigur.

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